Montag, 15. Oktober 2007

Im Sueden der Tuerkei

Türkei
Die Einreise oder über unsere Vorurteile

Wenn ich heute daran zurück denke, wie ich mich gefühlt habe, als wir das erste mal mit PRESENT den Kurs in Richtung Türkei gesetzt haben, dann erinnere ich mich.

Von der freundlichen, hellen Griechischen Insel Simy lag vor uns eine kurze Tagesreise. Wir setzten Segel. Schon bald war die Küste deutlich sichtbar. Klein Asien (Asia Minor) entfaltete sich in allen erdenklichen Grüntönen vor unseren Augen. Rolf machte die Flaggen parat und begab sich aufs Vorschiff. Die Griechische Flagge runter und dann die Gastlandflagge (in diesem Falle Türkei) und darunter die gelbe Q-Flagge hoch (Q steht für Quarantaine und bedeutet, dass man neu einreist und sich bei den Behörden melden will. Man stellt sich also freiwillig unter Quarantaine, bis man die Erlaubnis hat an Land zu gehen.)
Und genau dann passierte ein kleines Malheure. Die Aufhängung der Türkischen Flagge war schlecht genäht und die Verbindung riss.
Da wir so viel Respekt hatten vor den Türken, wagten wir es nicht, ein zu reisen ohne die korrekte Beflaggung. Auf offener See hievte ich den Kapitän hoch in die Saling. Das Schiff schaukelte und er schaukelte mit. Endlich gelang es ihm die Verbindungsleine zu greifen. Nach diesem halsbrecherischen Akt, hing zum ersten Mal die Türkische Gastlandflagge und wir konnten den Anker klar machen.

Kaum angekommen begann der Muezzin zu rufen und Rolf und ich machten uns klein. Wir hatten keine Ahnung, wie man sich benimmt in diesem Land.

Nun haben wir im Total fast ein halbes Jahr in der Türkei verbracht. Wenn ich daran zurück denke, wie wir das erste Mal eingereist sind in die Türkei, dann muss ich über mich selber lachen (oder weinen?). Heute fahren wir rein, rufen ein fröhliches „gün aydin“ (guten Morgen) und begeben uns frohen Mutes zum Hafenmeister. Dort tauschen wir Höflichkeiten aus und lassen uns informieren über das Leben im Allgemeinen und die aktuelle Politik im Lande. Der Hafenmeister schimpft über die Rückständigkeit und wir loben den Fleiss und den Fortschritt. Kurz es ist eine längere und es ist eine durchaus erfreuliche Geschichte in der Türkei ein zu klarieren. Die Q-Fagge vergessen wir nun jedes Mal. Wir haben gelernt, dass die unsere Gastgeber nur stresst.



Türkinnen

Vor der ersten Einreise hatte ich mir ein Kopftuch besorgt und mich mit Literatur „Frau und Islam“ beschäftigt. Nach all dem was ich da gelesen hatte, war ich völlig zielorientiert und mental bereit: „Gring abe u z Muul halte“. Ich hatte ich vor, mich „unsichtbar“ zu machen.

Würde ich das Kopftuch hier an der Südküste tragen, die Türkinnen würden sich kaputt lachen. Überhaupt lachen die Frauen hier gerne und ausgiebig. Sie arbeiten viel und sie arbeiten sehr hart. Aber sie tun alles mit viel Temperament und Humor. Kopftücher werden schon getragen, aber nur im praktischen Sinn. Die Frauen auf dem Lande kümmern sich eigentlich um alles. Land bestellen, kochen auf die Kinder schauen, das Haus in Ordnung halten. Da bleibt keine Zeit sich fein zu machen und die Haare zu richten. Eine bequeme weite Hose, ein leichtes Baumwollhemd und eine praktische Kopfbedeckung sind den Umständen sehr angepasst.
In der Stadt sieht der Qutfit ganz anders aus. In den klimatisierten Räumen hinter den PCs sitzen Damen, die mahrsprachig sind, gepflegt vom Scheitel bis zu Sohle. Knallenge Jeans, leichte Leibchen, hohe Schuhe und ein ausgeklügeltes und typgerechtes Make-up ist Standart.

Es ist erstaunlich mit welcher Gutmütigkeit und Geduld sie mit den Gästen/Touristen umgehen. Selbst mit den ungepfllegtesten Teutonischen Bierbäuchen, mit den hässlichsten britischen Zähnen und dem zickigsten französischen Galants verlieren sie selten den Humor. Doch es gibt Grenzen. Eine Grenzverletzung wird bestraft mit „Sorry I do NOT understand you“. Die Türkin schaut dann völlig verwirrt auf den Gast und blockt und bockt. Bierbauch, Gelbzahn und Galant können ausrufen und toben. Frau tut gar nichts mehr; und dann geht auch gar nichts mehr.

In der Mittagspause sitzt sie mit ihren Kolleginnen unter einem Baum und erzählt ohne die pikanten Details auszulassen. Das tönt dann ungefähr so:“ Bierbauch hat ein aufgedunsenes Gesicht mit geplatzten Äderchen an der Nase. Sein Hemd ist billige Scheisse und passt perfekt zu ihm. Ich habe zugesagt dass ich ihm einen anderen Platz für seine Schiff gebe (eine Bavaria), was ich auch tun werde“. Die Augen der Zuhörerinnen blitzen und sie kichern:“ einen neuen Platz gibst du ihm… sicher auf Steg B ganz hinten?“. „ Steg B ganz hinten ist doch perfekt. Bis zum Klo läuft er 500 Meter und bis zu mir im Office 700 Meter. Den bin ich los“. Kicher. Dann wird mit Wonne über die Deutschen Mannen hergezogen.
Nun kommt Gelbzahn an die Reihe. Ganz „British“ hat er die Qualität des „Weatherforcast“ (Wettervorhersage) reklamiert. „Your weatherforecast was not correct“.
Die jungen Frauen verstehen, dass der Engländer ertzürnt ist. Aber was können sie am Wetter ändern?

Der Französische Galant kommt nun auch noch an die Reihe. Sein Sorge gilt seinem Pekinesen „Foufou“ der von den aggressiven Hafenkatzen in Angst und Schrecken versetz wird. Unsere Freundinnen befinden, dass Foufou ein nettes Hundchen ist, aber leicht neurotisch, Sobald Frauchen von Bord ist, ziehen da Katzen ein (Zweibeinige). Herrchen kümmert sich nur um die Katzen. Das Hundchen wird auf den Steg gestellt und sich selber überlassen. Es pinkelt dann am liebsten auf die Teppiche, welche vor den Superyachten ausgerollt sind. Oder er nagt an den teuren Segelschuhen (Marke Musto oder Helly Hansen), die auf dem Teppich fein säuberlich am Rande aufgereiht sind.

In der Zwischenzeit haben sich die Hafenkatzen zu dem Frauen gesellt und werden liebevoll gekost.“ Na alter Einäuger, hast den Foufou ein wenig bewegt. Gut gemacht Lieber, das Hundchen braucht ab und zu etwas zum Spielen“.
Dann wird weiter gekichert und gelacht. Und selbstvertändlich werden auch die Hakans, Alis und Mehmets drangenommen. Doch bald ist die Pause vorbei und die Frauen gehen wieder arbeiten. In die Wäscherei, ins Klo, in den Laden, ins Office. Wer höflich und fröhlich ist, bekommt alles und sonst ein: sorry I do NOT understand you“.


Eva allein im Hammam

Irgendwann haben die Frauen gerufen, Hey Eva, setz dich zu uns. Scheu und ein wenig stolz über die Einladung gesellte ich mich in den Kreis. Bald wurde ich gefragt über die weiteren und näheren Pläne. Über die weiteren Auskunft zu geben war nicht schwer: Wir sind unterwegs nach Indien. Über die nähren war es diffiziler. Ich gestand, dass das Boot geputzt, die Wäsche gewaschen, Der Einkauf erledigt, die Kleider geflickt und alles eigentlich fertig war und ich auch ein wenig. Darum hatte ich vor, heute in den Hamam (Türkisches Bad) zu gehen. Die jungen Türkinnen waren begeistert und klopften sich auf die Schenkel: in den Hamam, wau bist du mutig, das würden wir nie tun. Was daran mutig sein sollte, liessen sie offen.

Am nächsten Tag musste ich erzählen. Ja der Hamam ist eine tolle Idee. Zuerst wirst du in eine Finnische Sauna geschickt ?????????
Die Frauen hielten sich die Münder zu, um nicht unschicklich zu lachen.
Dann wirst du in Gummipantoffeln und im Badekleid, bewaffnet mit einem Putzlappen (sauber) in das Dampfbad geschickt. Dort im Kronsaal, der rund angelegt ist, nimmst du Platz auf einer Steinbank an der Wand und hast das ganze Schauspiel vor Augen. Eine Holländische Familie war dran. Mama lag in der Mitte des Raumes auf einer erhöhten Steinkonsole und wurde eingeseift. Ihr Gesicht war von einer grünen Schlammmaske verdeckt, aber die Augen blinzelten in Richtung Mann und Kind. Das Kind fand Mama gar nicht lustig und brüllte wie am Spiess. Das Echo war echt stark, Papa leicht gestresst. Mama wurde eingeseift von einem „Tellak“. Der Tellak ist der Bademeister, der Einseifer, der Haut-ab-schrubber der Durch-bieger und Kneter und der Abspüler. Der Tellak füllte Seife in einen Kissenanzug und blies solange rein, bis sich eine grosse Schaumwolke entwickelte. Diese drapierte der Tellak gekonnt auf der Holländischen Mamma. Und nun begann er ernsthaft zu schrubben. Ich schwitze leicht. Der Tellak hatte einen runden Bauch und sehr viel schwarze Haare dran. Er trug die gleichen Pantoffeln wie ich.
Dann kam Papa dran und zum Schluss das Kind. Es erholte sich nicht vom Schrecken und genoss ausser dem Echo nichts vom Hamam.

Nun waren der Tellak und ich alleine. Die Mittelkonsole war noch überschäumt. Argwöhnisch liess ich meine Augen zwischen dem Mann und dem Stein hin und her schweifen. Er begriff, dass ich nicht gerade begeistert war und schaute mir zu, wie ich den Stein selber mit viel Wasser sauber machte. (an dieser Stelle meiner Geschichte kugelten sich die jungen Türkinnen vor Lachen). Aha, der Tellak zeigte seine Zähne, sein haariger Bauch begann zu wabbeln. Doch offensichtlich hatte er verstanden, was ich wollte, denn lachend schmiss er nun ein paar weiter Kübel Wasser über seine Arbeitsfläche. Mit einem ergeben Seufzer liess ich mich nieder.
Zuerst wurde mir mit dem Putzlappen die Haut gerubbelt. Ah, sagte der Hammami, du rubbelst gut, schau mal was da runter kommt. Dunkelbraune Hautröllchen fanden ihren Weg von meinem Körper auf den Lappen des Tellak. Ich wusste nicht, sollte ich mich schämen oder stolz sein, dass ich „gut rubble“. Dann schmiss er eine halbe Tonne Seife auf mich und begann mich gründlich einzuseifen. Er drückte an meinen Füssen rum (die haben eine dicke Hornhaut) und begab sich danach an die Beine. War ja alles OK. Ich versuchte mich zu entspannen und plötzlich spürte ich das sanfte Tropfen. Das Tropfen stammte vom Tellak. Er mühte sich mit mir ab und schwitzte. Das war endgültig zu viel. Teschekür ederem und byby (Danke und Tschüss) hauchte ich und rauschte ab in Richtung Dusche. „Güle güle git“ (lachend gehe) rief der Tellak.
Meine türkischen Freundinnen hielten sich die Bäuche und lachten Tränen.
Merke, Türkinnen würden NIE in einen Hamam gehen, der nicht ausschliesslich Frauen vorbehalten ist und von Frauen betreut wird. Und heute bevorzugen sie eine Dusche im eigenen Badezimmer. Für einen guten Hamam für Frauen muss Frau in der Türkei heute weit gehen.


Literaturempfehlung: Gebrauchsanweisung Türkei
Von Iris Alanyali, Piper Verlag

Keine Kommentare: