
Stress
Dyonisus noch ohne Schaden. Später auf eine Boje gelaufen.
Bash wenige Tage vor seinem Tod
Suez Kanal
Die Passage ist für ein Segelboot kein Honigschlecken. Der Kanal ist gebaut für die grossen Schiffe. Für die kleinen fehlen die Infrastruktur und das Interesse. Zuwenig Geld liegt drin, also steht man als Segler ganz hinten an.
Die Strecke ist mehr als 150 Kilometer lang. Die Handelsschiffe fahren am Morgen von Süd nach Nord und am Nachmittag von Nord nach Süd. Der Kanal ist zu schmal um darin zu kreuzen. Aber in der Mitte ist er frei von jedem Unbill. Nur wir Kleinen, wir müssen an den Rand und dort hockt der Unbill und zeigt seinen verschiedenen Gesichter. Alte Seezeichen und ausgediente Bojen, Untiefen, Bauschutt im Wasser, Treibgut, Fischerboote, schwimmende Kinder, überall am Ufer gelangweilte Soldaten mit ihren Gewehren und auf der anderen Seite die riesigen Tanker und Containerschiffe. Alle paar Minuten kommen die gigantischen Bugwellen und schütteln die Kleinen durch. Ups,- auf der Geisterbahn an der Herbstmesse geht der Adrenalin Spiegle weniger hoch. Und die Geisterbahn dauert vielleicht 10 Minuten. Für die Passage durch den Suezkanal braucht ein Segelboot 18 Stunden.
Eine erste Gruppe mit sechs Rally-Booten fuhr um 06.00 los. Sie kamen in faustdicken Nebel. Sichtweite 15 Meter. Der Lotse auf dem ersten Boot verlangte eine Fahrtgeschwindigkeit von 6 Knoten (10 km/H). Der Skipper weigerte sich. Die Kanalbehörde reagierte mit einer bösen Strafaktion und verweigerte der ganzen Gruppe die Zufahrt nach Isamailia, welches Schutz und Pause bieten würde und zwang sie, die ganzen 150 Kilometer ohne Stopp zu machen. Ein Boot wurde vom Lotsen auf eine ausrangierte und unbeleuchtete Boje geführt und erlitt beträchtlichen Schaden am Schiffsrumpf. Die Kanalbehörde wies jede Schuld von sich: verantwortlich ist der Skipper!
In der zweiten Gruppe starteten wir nicht wie geplant um 10.00 sondern zwei Stunden später um 12 Uhr. Wir wussten nichts vom Schicksal unserer Kameraden in der ersten Gruppe, weil die Lotsen an Bord die Funkanlagen zu 100% beanspruchten und somit die Kommunikation unterbanden. Frohgemut tuckerten wir los. Unser Lotse war ein kugelbäuchiger, bärtiger Frömmler. Demonstrativ legte der Koran neben das Steuer.
Rolf und ich hatten schon vorher abgesprochen, dass ich jeden Befehl von Rolf annehme und „meine Schnauze“ halten werde (Riiiiiiiesenopfer).
Auf ging die fröhliche Fahrt mit einem Anker-auf-Manöver, welches wir hinlegten, genauso wie wir das immer tun. Rolf steht beim Anker vorne und zeigt mir an, wie ich zu fahren habe. Das geht ohne Worte. Der Lots war sprachlos und getraute sich nicht, mir ins Steure zu langen. Wir fuhren langsam in den Kanal und Rolf klarierte das Schiff. Erst als wir sicher in der Fahrrinne waren, kam er ins Cockpit und nickte dem Lotsen freundlich zu. Der war immer noch sprachlos.
Ich verkrümelte mich in die Küche. Na, dachte ich mir, des Lotsen Bauch ist rund.
Ich drückte ihm eine neue, verschlossene Flasche Trinkwasser in die Hand und sagte:“ das ist ihre Flasche. Wünschen sie eine Glas?“
Eine halbe Stunde später servierte ich eine perfekt reife Mango hübsch angerichtet. Er konnte nicht widerstehen. Dann folgten ein Thonsalat im Pitthabrot und darauf Schokoladenkuchen mit Kaffee und dann getrocknete Aprikosen und Mandeln mit Thé. Rundbauch war und blieb bei Laune.
Er vergass den Koran (wir mussten ihm das Buch zum Schluss nachtragen, er hatte es an Bord vergessen).
Irgendwann fragte er, ob wir nicht schneller fahren könnten. Rolf sagte ja. Und ich stöhnte: dann wird der Motor wieder heiss. Der Lotse schaute mich mit entsetzen Augen an. Ich tauchte wieder ab in die Küche. Rolf drosselte den Motor und wir tuckerten in angenehmer Geschwindigkeit durch den Kanal.
Der Nachmittag verflog und die Sonne verschwand hinter den Bergen der Libyschen Wüste. Die Lichter von Ismailia tauchten auf und dann ging unser Lotse an den Funk und brüllte irgendetwas. Mit einem zufriedenen Lächeln kam er zurück und zeigte mir die Fotos seiner süssen Babys. Auf seine Frage nach unseren Kindern, machte Rolf den kapitalen Fehler, dass er locker hinwarf: wir habe keine Kinder. Unser Lotse (Abbas) versank in Trauer und Lethargie. In der Einfahrt nach Ismailia überliess er mir willig und kampflos das Steuer. Zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit hatten wir die erste Hälft des Kanals geschafft und lagen sicher und gut geschützt in der gepflegten und grosszügigen Marina. Wir staunten, dass kein anders Boot der Rally da lag.
Kurz darauf folgten aber die andern fünf Boote unserer Gruppe und wir waren schon etwas erleichtert.
Erst später vernahmen wir, dass auch wir von der Kanalbehörde durch die Nacht hätten gepeitscht werden sollen. Aber unser guter Abbas berichtete der Behörde, dass PRESENT einen leicht erhitzbaren Motor habe und das eine Weiterfahrt nicht zu verantworten sei!!!!
Wir genossen zwei herrliche Tage im gepflegten Isamailia (Präsident Mubarak hat hier seine Villa) und genossen die Einkaufsmöglichkeiten. Die dritte Sechsergruppe Rally-Boote erreichten uns am nächsten Abend. Wir organisierten ein gemeinsames Abendessen in Form eines gehobenen „Fresshöcks“ wie in den alten Pfadi Zeiten. Jeder brachte sein Abendessen und stellte es aufs Buffet. Es war eine ausgelassene Völlerei.
Und dann, ich wollte eben ins Bett, rief mich der Skipper der „Alondra of London“ wegen eines Medizinischen Problems. Der alte Boxer Hund Bash sei nicht fit. Ich ging rüber und fand den alten Bash im Sterben. Die Crew der Alondra und der Hund waren sehr gestresst. Also setzte ich mich hin, nahm den alten Hund in die Arme und begann ihm ein kleines Kinderlied in das alte Ohr zu singen. Der Crew sagte ich, dass Bash jetzt eigentlich gerne sterben möchte und dass er das auch dürfe. Bash ist nach zwei Stunden sehr, sehr friedlich auf meinem Schoss eingeschlafen und ist direkt in den Hundehimmel geflogen. Dort wo jeder Baum duftet, wo Kaninchen sich freiwillig jagen lässt und Rottweiler sich benehmen wie Schafe. Dort wo immer jemand einen Stecken wirft und Ball gespielt wird den ganzen Tag lang.Bash ist in Ismailia begraben worden. Er hatte ein tolles und spezielles Hundeleben.
Doch Segel heisst, weiter gehen. Für den zweiten Teil des Kanals hatten wir einen pensionierten Lotsen an Bord. Der alte Knacker wurde aus seinem Ruhestand gerufen, weil die Kanalbehörde schlicht nicht genügend Männer zur Verfügung hatte.
Said hat keinen Bauch…..? und nur noch etwa drei Zähne (auch keinen Bart und keinen Koran).
Mir scharfen Augen verfolgte er unser Ablegemanöver (Frau am Steuer).
Die Wasserflasche lehnte er ab. Eine Dose Coca Cola war da viel willkommener.
Ich legte ihm Malboro-Zigaretten hin und damit war Said unser Mann.
Rolf berichtete ihm von unseren fünf Söhnen….. Und Said war den ganzen Tag über glücklich. Er erzählte von Krieg und Frieden von der Arbeit auf dem Kanal und von seinen beiden Söhnen. Er übersprudelte und sagte immer wieder: this is a holly day. I just love to be on the Canal and I love to be with you.
Wieder wurde es sehr dunkel bis wir Port Suez erreichten. Said übergab mir lachend das Steuer und wir legten an, an zwei Bojen. Said war echt begeistert und klopfte sich die Knie, als das nächste Schiff mehr als drei Mal soviel Zeit brauchte für das gleiche Manöver. Als er von Bord ging drückte ich ihm einen Sack voller Süssigkeiten und Cola in die Hand. Und er küsste mich respektvoll, gab mir einen liebevollen Drucker und er bedankte sich für den wunderschönen Tag mit uns.
Die 90 Meilen durch den Suezkanal waren anspruchsvoll. Weil sie verlangen eine permanente Präsenz. Bei schlechter Sicht wird die Passage zum Abenteuer. Leider hat auch ein zweites Boot Schaden erlitten. In diesem Falle aber stand der Lotse zu seinem Fehler und er wurde von der Crew total in Schutz genommen. Und das erstaunt uns nicht. Auch sehr routinierte Lotsen können nicht alles sehen und der Kanal ist stetiger Veränderung unterworfen. 18 Stunden Aufmerksamkeit sind eine lange Zeit und eine Priese Pech oder eine Portion Nachlässigkeit können schnell ihren Tribut fordern.